Jakup Ferri

Geb. 1981

Zu Ferri's Arbeit und zeitgenössischer Kunst im Kososvo
Der junge Künstler stellt sich die Frage: "Bin ich vielleicht zu spät, weil alles gesagt und getan ist?" Eine lästige und entmutigende Frage, so könnte man sagen, besonders in Ländern, die selbst "zu spät" sind. Erstaunlicherweise wird Jakup Ferri von dieser "Verspätung" inspiriert und konstruiert eine Poesie des Spotts. Wir sind zu spät, was soll´s? F. Bacon sagte einmal, dass der Zwerg, der auf den Schultern eines Riesen steht, weiter sehen kann als dieser. Wenn wir unglücklicherweise die Zwerge unserer Vorfahren sind, haben wir noch immer das Recht zu sein, was wir sind, oder zumindest das Recht, uns gegenseitig zu verspotten, nicht wahr?

In dem Video Jakupi ... hört der Künstler einer Performance von Yoko Ono und John Lennon zu, die einander bei ihrem Namen nennen, und ruft dann seinen eigenen Namen: "Jakup! Jakup!" Vielleicht lässt er das alte Sprichwort "Nomen est Omen" wieder aufleben? Oder, noch besser, sucht er womöglich nach dem Platz, den die "Verspäteten" unter den Stars einnehmen?

In dem Video Don't tell to anybody zählt Ferri die Reiskörner in einem Kilo Reis. Im Mittelalter stritten sich Gelehrte darüber, wie viele Engel auf eine Nadelspitze passen. Ohne Erfolg. Gelehrte des heutigen Materialismus zählen Reiskörner, auch ohne Erfolg.In der Arbeit mit dem Titel Made in Kosova (for love's sake) bringt Ferri erneut das schreckliche Gefühl zu spät zu kommen zum Ausdruck. In Osteuropa wird der Künstler heute weder vom Staat noch vom Markt unterstützt. Er kann von dem Erfolg eines Künstlers wie Jeff Koons nur träumen. Ferri findet eine Möglichkeit, diesen Traum zu verwirklichen. Er beschließt, Toilettenpapier mit Koons' Namen darauf zu produzieren. Der Hintern dieses jungen Künstlers verspottet daher alles: den Kosovo, der so gut wie nichts produziert, die Not der Künstler, die zu spät sind, den spirituellen Stillstand und die Stippvisite der westlichen Kunst, Koons' Fähigkeit, die Reichen zu verspotten und zu schröpfen ... Shkëlzen Maliqi .Deutsch: Birgit Herbst

Kurze Zündschur, langer Atem Keine Cinderella-Märchen im Kosovo Antje Mayer
Das Marx'sche Diktum, wonach die kulturelle Entwicklung eine Folge der ökonomischen ist, scheint hier nicht ganz zu stimmen: Im (ehemaligen) Pulverfass Kosovo, in dem jeder zweite Erwerbsfähige arbeitslos ist und man pro Jahr durchschnittlich keine tausend Euro verdient, ensteht derzeit eine der spannendsten Kunstszenen der Balkans.

Antje Mayer hat das "Land der Amseln" bereist, stellt die wichtigsten Locations und Institutionen vor und lässt den EXIT-Mitbegründer Erzen Shkololli aus Peje über sein "Best of" der Künstler der Region sprechen. Um gleich am Anfang nicht allzu viel Balkan-Romantik aufkommen zu lassen: Die Lage im Kosovo gilt nach wie vor als "angespannt". Von Reisen dorthin auf eigene Faust ohne ortsansässigen Führer wird abgeraten. Ein Trip mit Unterstützung eines Einheimischen oder einer Institution ist hingegen unbedingt zu empfehlen. Denn trotz der widrigen Umstände - oder vielleicht gerade deswegen - gibt es hier eine der spannendsten Kunstszenen des Balkans. "Die Künstler dieser Region sind unglaublich stimulierend, nicht zuletzt, weil sie eine gesellschaftlich-politische Verantwortung verspüren für das, was in ihrem Land passiert", meint Katrin Klingan, künstlerische Leiterin von "relation", einer Initiative der Deutschen Kulturstiftung des Bundes (Berlin). Und was passiert in diesem Land, das eigentlich gar kein Land, kein unabhängiger Staat ist? Genug. Wer beispielsweise lebensmüde ist, sollte mit einem serbischen Autokennzeichen durch die Hauptstadt Prishtina fahren. Dass er dabei gelyncht würde, "zumindest sein Auto zu Schrott getreten, ist zumindest nicht unwahrscheinlich", so meinen Einheimische. Sogar die Gastfreundschaft der Kosovaren hat ihre Grenzen. Die Beziehung zu den Serben, so könnte man vorsichtig diagnostizieren, ist immer noch "emotional sehr aufgeladen".

Vom Verlassen der asphaltierten Straßen wird abgeraten, so das Auswärtige Amt, nicht weil gar gelyncht würde, nein, sondern wegen der Minen. Überhaupt ist eine Nachtfahrt derzeit immer noch keine sehr gute Idee. Auch wenn die UCK, die kosovarische Befreiungsarmee, ihre Waffen inzwischen offiziell abgegeben hat, "liegen unter den Betten, den Schränken und in den Garagen der Kosovaren noch so viele Waffen, dass man damit eine Armee ausrüsten könnte", sagt Enver Hasani, Professor für internationales Recht an der Universität von Prishtina. "Von Normalität kann derzeit keine Rede sein. Nicht zuletzt deswegen, da man kaum auf eine politische und demokratische Tradition referieren kann. Aber man diskriminiert die Kosovaren, wenn man behauptet, sie seien von den alten Clanstrukturen noch zu stark geprägt. Die Blutrache wird, entgegen Gerüchten, kaum noch praktiziert, nur noch im Norden des Kosovo. Auch die Rechte der Frauen werden zusehends verbessert." Eine medizinische Versorgung nach westeuropäischem Standard ist dagegen nicht gewährleistet, da die Krankenhäuser nur über veraltete Ausrüstung verfügen. Auch kann man nicht davon ausgehen, in den Hotels durchgehend über fließendes Wasser und Strom zu verfügen.

KFOR-Soldaten sind derzeit insgesamt 40.000 aus 28 Staaten im Land stationiert. Bei geschätzten über zwei Millionen Einwohnern kommt somit ein Soldat der internationalen Friedenstruppe auf 25 Kosovaren. "Eine derartig große Präsenz ist nicht nur zum Schutz der Kosovaren vor den Serben nötig", erläutert ein Presseoffizier der deutschen KFOR-Truppen, "sondern leider auch zum Schutz der serbischen Minderheit vor den Kosovaren, deren Zündschnur im Allgemeinen als sehr kurz gilt, wie die Unruhen mit mehreren Todesopfern im März 2004 gezeigt haben. Aufgebrachte Kosovaren hatten Häuser der serbischen Minderheit und das serbische Erzengel-Kloster in Prizren niedergebrannt." Die Hälfte der Bevölkerung des Kosovo ist unter 20 Jahre alt. Überall sieht man Jugendliche, die die Bürgersteige, Cafés und Plätze der Städte bevölkern. Viele von ihnen verfügen offensichtlich über unglaublich viel Zeit. Die Arbeitslosigkeit beträgt offiziell immerhin zwischen 70 und 80 Prozent. Wenn die jungen Leute könnten, würden die meisten sofort emigrieren. Nur - mit einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 100 Euro kommt man, selbst im Kosovo, nicht weit. Ein Schengen-Visum erhält man, wenn überhaupt, nur mit großem Aufwand, Geld und Beziehung. Der junge Künstler Albert Heta hat das Thema der Isolierung in einer Performance thematisiert. Auf echten Werbeplakaten von British Airways, die in ganz Prishtina für billige Sommerflüge in europäische Hauptstädte lockten, affichierte er in einer illegalen Kunstaktion den gefälschten Schriftzug "Visum is not required". Die Fluglinie bemerkte den peinlichen "Angriff" erst nach einem halben Tag.

Wenn British Airways für hippe Städtereisen in die EU werben können, dann ist auch Geld vorhanden, trotz hoher Arbeitslosigkeit. Es kommt aus der Schattenwirtschaft und von der kosovarischen Diaspora, die vor der jahrzehntelangen Unterdrückung durch die Serben vor allem nach Deutschland, in die Schweiz und nach Österreich geflohen ist. Die schickt Geld, damit der Familienclan zu Hause einen gebrauchten VW-Golf kaufen und - vor allem - Häuser bauen kann. Immerhin 120.000 wurden während der Vertreibungen durch die Serben zerstört oder niedergebrannt. Überall, soweit das Auge reicht, wachsen somit erstens unzählige Tankstellen im Las-Vegas-Design und zweitens Wohnhäuser, besser Rohbauten, wie Pilze aus dem Boden. Sie scheinen wie zum Trotz einen Neuanfang anzukündigen. Physikalischer Raum, keine Architektur im eigentlich Sinne, im "Copy and Paste"-Stil, der weder auf die eigene noch auf irgendeine andere Baugeschichte referiert: vier Ziegelwände, Satteldach, Fenster, eine Tür. Das war's.
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